Konservativ


So nennen heute dominante politische Parteien ihre Grundhaltung für das gesellschaftliche Leben. Sie verweisen auf ihre Tugend, die Grundwerte einer Religion und einer privilegierten Lebensweise zu erhalten und zu verteidigen. Ein Politiker hat sogar einmal das christliche Kreuz als Symbol des Erfolges dieser Grundhaltung überall aufhängen wollen. In der Werbung nennt man das ein Markenzeichen setzen.

Aber ist es nicht so, dass der Volksmund das Wort eher als Synonym für Zurückhaltung bei allen Fragen von Verantwortung versteht? Um Gotteswillen nichts verändern! Immer erst zögerlich prüfen, ob es der Klientel oder dem persönlichen Interesse nützlich ist, wenn man Entscheidungen trifft, die eigentlich dem Wohle der Allgemeinheit dienen sollen. Politiker mit einem öffentlichen Amt haben darauf einen Eid abgelegt. Manchmal aber hat man den Eindruck, dass sie diesen sehr schnell vergessen haben und sich der Verführung der Macht hingeben, um Lobbywünschen und solchen für die Förderung der eigenen Karriere nachzukommen.

Konservative Politik hat dazu geführt, dass Europa bürokratisiert wurde. Hat uns die Bankenkrise und den Brexit beschert, die Nationalisten gestärkt. Konservativ heißt eben auch, notwendige Anpassungen an die Anforderungen der Zeit zu verhindern oder zu verschleppen. Nur zögerlich dulden, dass der Fortschritt die über lange Zeit herausgearbeiteten Vorteile für die eigene Interessengruppe mindert.

Zuwanderer mit islamischem Glauben haben angeblich viele Kinder. Sie könnten unseren Wohlstand gefährden, weil sie unser Sozialsystem belasten. Offenbar ist den konservativen Leitfiguren ein Mittelmeer voller Leichen lieber als die ständige Angst vor einer Überfremdung. Der weiß-blaue Himmel könnte ja durch eine andere Kultur getrübt werden. Die Vertreter der Kultur mit Lederhose und Gamsbart am Hut stehen dagegen. Den Verlust solcher heimatlichen Gepflogenheiten soll neuerdings ein Ministerium verhindern.

Dabei verlangt unsere schnelllebige Gegenwart eine ganz andere Flexibilität im politischen Handeln. Dazu gehört solides Wissen in Naturwissenschaften und Technik, um richtige Entscheidungen zu treffen. Aber wohin hat uns die konservative Bildungspolitik gebracht? Schulwissen aus dem letzten Jahrhundert ist immer noch im Curriculum. Digitalisierung verstehen die politischen Entscheider oft nur als Ausbau des Handynetzes. Es wird zunehmend deutlicher, dass viele Macher im öffentlichen Leben und den Verwaltungen eigentlich keine Ahnung von den fatalen Wirkungen ihrer Unwissenheit haben.

Die Heimatpfleger im Süden wollen keine Stromverteilungsmasten. Sie befürchten eine Verschandelung ihrer Landschaften. Kämpfen gegen Windmühlen, aber tolerieren, dass die Alpen mit Skischaukeln verunstaltet werden. Natürlich weil das Geld bringt. Sie sind stolz auf den wirtschaftlichen Erfolg. Durch eine liberale Gesetzgebung überlassen sie es den Konzernen, das Volk zu beschäftigen. Aber wehe, wenn es an die vermeintliche Einschränkung der persönlichen Freiheiten geht. Da kommt dann Populismus auf: Kein Tempolimit, freie Fahrt dem Tüchtigen!

Durch Privatisierung und Erhebung einer Maut die Rennbahn frei machen wollen für diejenigen, die alles vom Taschengeld bezahlen. Dabei sollte man eigentlich für das gesundheitliche Wohl aller Mitmenschen vorsorglich handeln. Tempo 130 ist keine spinnerte Traumvorstellung von Esoterikern. Sie ist eine Geschwindigkeit, die den größtmöglichen Durchsatz und zügiges Vorankommen auf den Autobahnen zulässt. Die ständigen Drängeleien, die wechselnden Geschwindigkeiten durch Abbremsen und Beschleunigen führen zur Pulkbildung und Staus. Das weiß man schon lange. Und leistungsstarke Fahrmaschinen gehören einfach nicht in den öffentlichen Verkehr. Es ist keinesfalls sportlich, mit dickem Bauch hinter dem Lenkrad eines Porsches von München nach Hamburg zu fliegen. Die Verkürzungen von Fahrzeiten sind marginal und stehen in keinem tolerierbaren Verhältnis zur allgemeinen Gefährdung durch ein überhöhtes Tempo. E = m/2 * V^2, wer kennt schon diese Formel oder weiß, was sie bedeutet? Aber Protz lässt sich gut verkaufen, siehe SUVs. Und die Automobilindustrie steht unter einem besonderen Schutz ihrer Lobbyisten und den maßgebenden Amigos.

Wir verhalten uns im Alltag nur allzu oft wie dumme Konsumenten, die ihr Leben um jeden Preis bequemer machen wollen. Auf Kosten der Allgemeinheit. Warum denn nicht? Diese Moral wird toleriert. Jemanden erfolgreich über den Tisch ziehen, wird bewundert. Nächstenliebe ist zum Fremdwort geworden. Wohin entwickelt sich diese Gesellschaft? Können Gesetze uns noch vor Übervorteilung und Ausnutzung bewahren? Oder müssen wir uns immer mehr der Macht des Stärkeren und seiner Willkür ausliefern?

Unsere Sicherheit wird durch uns selbst und nicht durch Zuwanderer gefährdet. Aber solange man diese Tatsache lautstark übertönen kann, wird kaum jemand bemerken, wie einige Leute mit bestimmten Vorstellungen uns in den Griff kriegen wollen. Es wird sich noch eine Weile nichts sichtbar verändern, denn zunächst müssen Gefängnisse gebaut werden. Skandalös, wenn man dagegen den schwächelnden Bau von Sozialwohnungen ins Licht stellt. Es gibt Politiker, die an Law and Order glauben, um unsere Gesellschaft zu stabilisieren. Sie haben ein anderes Verständnis von öffentlicher Ordnung, sind jedoch eigentlich nur ratlos. Aber wer will ihnen ihre Absichten vorhalten, wenn vernünftige Bürger sich nicht rechtzeitig dagegen wehren? Proteste wie auf den Straßen Frankreichs sind bei uns nicht üblich. Und das ständige Gelaber in den TV-Talkshows dient nicht gerade einer aufgeklärten Meinungsbildung. Der Wähler steckt lieber den Kopf in den Sand und lässt es Mutti machen. Recht hat er, denn bisher hat sich ja immer alles von selbst geregelt, eben konservativ. Wir haben uns an den überflüssigen Klamauk in Berlin und London gewöhnt. Aber der Tag des Desasters wird kommen. Leider dann, wenn alles zu spät sein wird.

berndg42; im Januar 2019

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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