Die gelbe Blume


Das Auto blieb in der Garage. Ich wollte in die Natur. Die Luft war mild im Monat Mai. Am Waldrand angekommen, setzte ich mich auf einen umgefallenen Baum und lauschte den Stimmen des Frühlings. Unvermittelt beklagte sich ein zartes Stimmchen: “ Siehst du nicht auf deine Füße? Du tust mir weh!“ Und tatsächlich hatte ich unachtsam auf eine unscheinbare gelbe Blume getreten. Ein Tropfen Milch sank langsam am Halm herab. Und noch während ich mich entschuldigte, wuchs die Planze ganz schnell heran. Bis zur Größe einer Sonnenblume.

„Komm mit mir“, lockte sie. Und in einer Sprache, die ich sofort verstand, erzählte sie mir von einem Wunderland. Flugs entführte sie mich dorthin. Nun standen wir vor einem unendlichen Meer von gelben Blüten. „Das sind die Seelen der Verstorbenen“, sprach meine neue Freundin zu mir.

Es waren auch einige darunter, die aus der Menge herausragten. Ich bemerkte, dass sie ihre Wurzeln verloren und sich in Honigbienen verwandelten. Die stiegen auf und tausende goldene Flügel glitzerten über den Wolken. Riesige Schwärme, die über blaue Wälder zum Horizont hin flogen. Ein grüner Mond wies ihnen den Weg. Und da war ein intensives Licht in der Ferne. Ein schmaler Streifen in Pink und Orange lockte sie an. „Das ist der Schein der Offenbarung“, verriet mir die Blume. „Und die am Himmel sind Botschafter der Nächstenliebe“, ergänzte sie. „Drei Tage brauchen sie bis zum Paradies, dann kehren sie zurück. Besuchen auserwählte Blüten, deren Verbliebene auf der Erde das Wahre und Schöne lieben. Und immer, wenn sie eine gute Nachricht bringen, wächst diese gelbe Blume ein Stückchen, bis sie selbst zur Biene wird. Aber viele müssen warten. Manche bis in alle Ewigkeit.“

Ein bekanntes Geräusch weckte mich aus meinem Traum. Auf der nahe gelegenen Straße fuhr ungeduldig hupend ein Auto vorüber. Schade, dachte ich, wieviel mehr hätte ich noch erfahren können. Ich bemerkte, dass der Löwenzahn vor mir wieder unbeschadet nach oben blickte. Der hohle Stengel hatte sich erholt. Mit Ehrfurcht zog ich vorsichtig meinen Fuß zurück. Von nun an ging ich behutsamer in die Welt und denke immer noch an die Botschaft der Bienen.

berndg42; im Dezember 2018

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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