Von einem „Welterklärer“


Bald ist es wieder soweit. Ein neues Semester beginnt. Wahrscheinlich mit zwei voll besetzten Klassen. Also 50 Kindern, die wissbegiering sind. Ihnen „die Welt erklären“, soll meine Aufgabe sein. So deutet es mein Verein auf seiner neuen Homepage. Er hat es sich ja zum Ziel gesetzt, Grundschüler rechtzeitig auf die Pfade der Naturwissenschaften und Technik zu bringen. So früh wie möglich, denn nur so ist der Nachwuchs an Ingenieuren gesichert. Eine Vorausetzung für den technologischen Vorsprung auf dem Weltmarkt, der uns den Lebensstandard sichert.

Nun gut. Vielleicht ein weiser Vorausblick und vielleicht auch ein Anliegen, das durch gesunde Moral gestützt wird. Aber so einfach wird sich die Zunkuft vermutlich nicht gestalten lassen. Sehen wir doch gegenwärtig, wer die Spielregeln unserer Existenz vorgibt: Potentaten ohne Skrupel, Investoren und Spekulanten ohne Skrupel, Scharfmacher, die auch mal militärisch ein Zeichen setzen wollen. Und weiter unten in der öffentlichen Aufmerksamkeit das Elend der flüchtenden Menschen. Und natürlich ihre Gegner, die Fremdenhasser und Angstmacher, die glauben, nur ihre Handlungsweise sei die einzig richtige.

Ob es nun zu eng wird auf dem Globus oder ob es um den Kampf um Recourcen geht, die Spannungen steigen von Tag zu Tag. Und einfache Lösungen der vielen Konflikte scheint es nicht zu geben. Eine allgemeine Hilflosigkeit verstärkt die Verunsicherung. Und dahinein soll ich mit frohem Mut ehrenamtlich meine Kraft einsetzen, die Zustände jedoch verschweigen? Wie ein Märchenerzähler den Kindern eine Perspektive geben, die sie akzeptieren können. Mit Überzeugung Dinge vortragen, die ihnen die Welt verständlicher machen. Und bloß nicht zeigen, dass ich selbst zutiefst verunsichert bin. Überhaupt nicht einfach für jemanden, der eigentlich genug Erfahrung in seinem langen Leben gemacht hat, um in pflichtbewusster Haltung den Schein zu wahren.

Ich bin nur ein Mensch und keine Maschine. Und meine inneren Zweifel zu verbergen und nach Auftrag zu handeln, ist nicht meine Sache. Das würde auch nicht überzeugend rüberkommen. Für solche Spielchen sind mir die jungen Menschen zu schade. Verantwortungsloses Verhalten kann man in den alltäglichen Nachrichten wahrnehmen.

Aber mit Wort und Tat eine bessere Welt gestalten, das ist ja mein eigentliches Anliegen. Ein Funke des Vertrauens soll auf meine Schützlinge überspringen. Soll ihnen einen sicheren Weg aufzeigen, der zu einem friedvollen Dasein führt. Zu einem glücklichen Miteinander, in dem es gerecht zugeht. In einem Zusammenleben, das durch Geben und Nehmen gefestigt wird und in dem zukünftig vor allem sinnlose Streitigkeiten vermieden werden.

Ich muss also an mir arbeiten, die kulturelle Krise überwinden, die Fragen nach dem Sinn verdrängen. Fragt sich überhaupt jemand, was das bedeutet? Auf die Achtzig zugehend noch flexibel zu sein, gedanklich alles korrekt bewerten und eine Aufgabe erfüllen. Ist das eine Herausforderung, der ich mich noch stellen kann? Wer bin ich denn? Ein aufrichtiger „Welterklärer“, ein verträumter Idealist? Oder doch nur ein Rufer in der Wüste?

Stark bleiben und den Rücken gerade halten! Denn schließlich gibt man ja so schnell nicht auf. Und Jammern bringt nichts.

Nun geht es mir ja so, dass ich vor demFrühstück bereits meinen Tag geplant habe. Und was ich mir vornehme, werde ich auch meistens erreichen. Und vielleicht kommt mein Selbstvertrauen von der Gewissheit, doch richtig zu handeln. Es kann ja nicht grundsätzlich falsch sein, meinen Kopf und meine Hände für eine gute Sache einzusetzen. Und so werde ich auch dieses Semester wieder so gestalten, wie ich es immer tat. Ein Lehrer im klassischen Sinne werde ich sein, nicht unbedingt ein „Welterklärer“. Ich werde aber nur das Wissen weitergeben, das meinen Kindern nützlich ist. Jedenfalls werde ich selbst aussuchen, was das sein wird. Von Rahmenplänen einer Verwaltung für Bildung werde ich mich da nicht bevormunden lassen. Ich werde also meinen eigenen Vorstellungen nachgehen, die jungen Menschen auf einen guten Weg in die Industriegesellschaft führen. Das kann ich. Und weil ich das kann, habe ich auch ein gesichertes Selbstbewusstsein. Das spüren die Kinder. Und sie werden mir zuhören, meinen Worten vertrauen und alles nachmachen, was ich ihnen zeigen werde. Bisher fanden sie meinen Technikunterricht immer spannend. Und Spaß und Freude sollen sie haben, die gönne ich ihnen. Nur fröhliche Kinder sind eine stabile Währung für uns alle.

Also weg mit der Skepsis. Positives Denken ist angesagt. Wie ein Kind den kommenden Zeiten vertrauen. Hier gehen Alt und Jung Hand in Hand. Und natürlich wird es Veränderungen geben. Nach aller Erfahrung sehen die Dinge am Ende anders aus. Und so wiederholt sich schließlich alles. Vielleicht werde ich vor dem nächsten Semester ähnliche Gedanken notieren. Sich aber kritisch einstellen auf den Lauf der Welt, die ich ja doch nur in unbedeutenden Teilen „erklären“ kann, den Kindern helfen, das ist doch der Antrieb, der mich immer noch nicht ruhen lässt.

berndg42; im August 2018

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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