Mein Deutsch-Sein


Ich trenne und verbinde diese beiden Begriffe ganz bewusst. Denn eine Existenz – ein Sein – in unserem Land ist stets mit beiden verbunden. Und aktuell werden dazu in der Öffentlichkeit viele Fragen gestellt.

Ich bin deutsch, weil ich hier geboren wurde. Meine Vorfahren kamen aus Thüringen, Ostpommern und Niedersachsen. Eine Mischung von Menschen aus relativ fernen Gebieten. Der Krieg und die Armut haben sie zusammengeführt. Und schließlich bin ich nach dem Ende der Zerstörung Europas in den Fünfzigern im Weserbergland aufgewachsen. Meine Sprache hat nur wenige Abweichungen vom Hochdeutschen, von der Bühnensprache.

Ich bin heute deutsch, weil ich in bewusster Demut vor den Opfern lebe, die meine Eltern zu verantworten haben. In der Nazizeit waren die einen fanatisch, die anderen stellten keine Fragen. Die Eltern meiner Mutter allerdings zeigten mir, was Toleranz bedeutet. Da sie selbst zugewandert waren, war ihnen das Elend von Flucht und Vertreibung verständlicher als bei denen, die schon längere Zeit hier ihre Wurzeln hatten. Es fand also eine gewisse Polarisierung beider Großelternpaare statt. Das ging soweit, dass man sich kaum kannte und begegnete.

Ich bin deutsch, weil ich als Nachkriegskind erfahren habe, dass man auch ohne Heldentum und heroischen Verpflichtungen zur Geschichte leben kann. Mich kann man nicht für die Greueltaten meiner Vorfahren verantwortlich machen. Aber das ist heute auch eine typische deutsche Haltung, die ich offen zeige: Nämlich sich dennoch als jemand zu erkennen geben, der die Verantwortung auf sich nimmt und ohne Scham vor den Denkmalen der Opfer niederkniet. Ein Bekennen zur jüngeren Geschichte des Landes ist ein Wert meiner Leitkultur. Daraus leitet sich auch der nächste Wert ab:

Ich bin deutsch, weil ich erfahren habe, dass man anderen Menschen helfen muss, wenn man selbst geachtet werden will. Dazu gehört, dass man unvoreingenommen jeden Menschen ungeachtet seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Sprache oder seiner äußeren Erscheinung offen begegnet. Allein seine soziale Kompetenz ist für mich ein Kriterium für Symphatie oder Antiphatie. Zeigt er sich mir menschlich zugewandt, dann kann er mein Freund werden. Erhebt er sich aber über andere, dann lasse ich ihn auch meine Ablehnung spüren. Ich möchte in einem Land von Freunden leben und nicht von Feinden umgeben sein!

Ich bin deutsch, weil ich darunter leide, dass die Wiedergabe der Geschichte immer nur das Positive herausstellt. Meine Erkenntnis ist aber, dass man sich kaum an die Fehler erinnert. Ich zweifle an der Fähigkeit der Menschen, aus der Geschichte zu lernen. Und weil ich den Ungeist noch in Erinnerung habe, lehne ich jede Form von nationalem Stolz ab. Wir sollten stolz auf unseren Fleiß sein, den wir nach dem letzten Krieg der Welt gezeigt haben. Wir sollten stolz auf unsere positive Entwicklung des politischen Systems sein und nicht an unserer Demokratiefähigkeit zweifeln. Wir brauchen keine neuen Führer, die uns an eine Leitkultur anbinden wollen. Die Orbanisierung kann nur deshalb fortschreiten, weil man den Menschen schon wieder das eigene Denken und Beurteilen mit lauter Stimme abspricht. Sie zeigen mit dem Finger auf die Schwachen, die angeblich an allem schuld sind. Sie erwähnen keinen Augenblick, dass es uns eigentlich so gut geht wie nie zuvor. Sie steuern uns mit Ängsten. Und schämen sich nicht, sogar mit der stärksten Angst unserer Zeit die Menschen zu verführen, nämlich mit der Angst, den Wohlstand zu verlieren. „Die Fremden sind schuld!“ schreien sie lauthals in allen Kanälen. „Die wollen unsere Kultur unterwandern!“

Ich bin deutsch, weil ich versuche, mich gegen solche Kräfte zu wehren. Weil ich erkenne, dass schon wieder die gleichen Mechanismen praktiziert werden, wie vor mehr als siebzig Jahren.

Ich bin deutsch, weil ich nicht will, dass sich das alles wiederholt!

Überall trifft man auf die chronisch kranken Skeptiker. Ich meine nicht, dass das ein spezifisch deutsches Leiden ist. Ich bin deutsch, weil ich der Tugend folgen möchte, die Dinge in die Hand zu nehmen, um die Zukunft positiv zu gestalten!

Ich sehe keine Gefahr der sogenannten Überfremdung. Auf 100 Einwohner kommt gerade mal ein Zuwanderer. Wo ist das Problem? Können die Leute nicht rechnen? Die vielen Destruktoren, die immer wieder von einer Bedrohung reden, die es nicht einmal im Ansatz gibt, sollten sich von einer international besetzten Kommission auf ihre kulturelle Rückständigkeit prüfen lassen. Wir müssen nicht auf die Krieger hören, die ihren Kral absichern wollen. Die eine „Heimat“ versprechen, in der sie unter sich sind, isoliert von der Welt. Es ist ein deutliches Merkmal konservativer Geisteshaltung, dass man Veränderungen nicht duldet. Aber Veränderungen sind die Zeichen der Zeit. Ohne Veränderungen gibt es kein Leben. Was keine Zeit und kein Leben hat, ist tot. Die „christlichen Heuchler“ hatten doch ihre Fratze deutlich gezeigt, als sie sich in ganz Europa weigerten, die Flüchtlinge aufzunehmen. War das nicht nach ihrem Glauben eine unverzeihliche Sünde? Ich vermisse die brüderliche Nächstenliebe. Und die kann man auch im Islam finden, wenn man nur will. Ohne gleich zu befürchten, dass die Muslime eines Tages das Kreuz abhängen. Eben diese Heuchler verhindern nicht, dass das Mittelmeer zum Friedhof Europas wird, zum Totenmeer. Und im Urlaub gehen sie darin pietätlos schwimmen und tauchen. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich an die Erbärmlichkeit dieses Verhaltens denke.

Die Frage ist, wie man den animalischen Egoismus bekämpfen kann. Und das beginnt damit, dass man ohne Dünkel offen den Blick des Gegenübers wahrnimmt. Einen Menschen sieht und nicht den Verursacher des Untergangs irgendeiner ach so wichtigen Kultur der Vergangenheit. Wir leben alle jetzt. Und wir können voneinander lernen, wie man unsere Gemeinschaft festigt, ohne KZ-Zäune und Grenzbewacher.

Ich bin deutsch, weil ich die kulturellen Veränderungen der Gesellschaft akzeptiere und nachhaltig mitgestalten möchte. In unserem Lebensraum soll jeder die gleichen Chancen haben, für sich und seine Familie ein gutes Leben zu führen. Die Abschiebung junger Flüchtlinge ist eine Dummheit, die diejenigen ausführen, die meinen, ewig zu herrschen. Sie übersehen, dass unsere Gesellschaft nur dann ihre wirtschaftliche Dominanz erhalten kann, wenn junge Menschen im Land sind. Die Jugend muss das fortsetzen, was wir Alten seit dem letzten Krieg geleistet und erreicht haben.

Wir haben der Welt keine Rohstoffe anzubieten. Unsere Ware wird unsere Fähigkeit sein, bei Innovationen stets einen Schritt vor den Handelspartnern zu gehen. Wir müssen unser KnowHow bilden und schützen. „Ingenieure in die Parlamente!“ möchte ich ausrufen. Nur mit unseren kreativen Ideen und unserem Talent für eine erfolgreiche Umsetzung in neue Techniken können wir unseren Lebensstandard erhalten. Und dabei müssen alle mitmachen. Zweifler und Skeptiker tun unserem Land und Europa keinen Gefallen. Macht endlich Schluss mit dem lauten Geschrei nach Ablehnung und dem Gejammer über virtuelle Gefahren, die angeblich von Flüchtlingen ausgehen!

Ich bin deutsch, weil mir das zunehmend auf den Nerv geht! Ich brauche keine Elite mit völkischer Gesinnung!

Sollen doch die politischen Anhänger einer Antikultur in die Sahara auswandern, wenn es ihnen hier nicht mehr gefällt. Dort können sie ja eine Gesellschaft verwirklichen, die für den Globus ein Vorbild sein soll. Ich denke aber, dass die Weltbevölkerung nicht wirklich interessiert sein wird. So toll ist ein von nationalistischen Typen bewohntes Gehege ja nun auch nicht. Aber unser Europa der Jugend sollte nach diesem Muster nicht umgestaltet werden. Deshalb bin ich deutsch, weil ich mich dagegen auflehne.

Ich bin deutsch, weil ich gegen Abgrenzungen bin. Ich möchte den Zusammenhalt stärken und trete ein für gegenseitige Hilfe und die Unterstützung der Schwachen. Alle gehören zu meinem Gesellschaftsbild von Menschlichkeit und Würde. Und komme man mir nicht immer wieder ausflüchtig mit dem Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Ansprüchen und Absichten der Zugewanderten. Wer hat eigentlich wirklich Angst vor der Scharia? Es ist doch eine Minderheit von Schreihälsen, die eine künstliche Bedrohung ins Bild setzt. Sie berufen sich auf die stillen Mitläufer, haben aber konkret ganz andere politische Vorstellungen, die den Erhalt der Ruhe und das Vertrauen in die Mitmenschen schwächt. Sie verunsichern die Bürger vorsätzlich ohne nachhaltige Beweise einer konkreten Gefährdung zu liefern. Und diese Anhänger einer längst überholten Vorstellung von Law and Order hatten doch in der Zeit vor dem letzten Krieg ganz bestimmt nicht die Sorge ums Rechtssystem im Staat. Diese Berufung auf Recht und Ordnung, den damit immer wieder geäußerten Anspruch, dass sie allein den Schutz gewähren können, haben sie für alle Zeiten verloren. Die Glaubhaftigkeit national gesinnter Hüter des Volkes ist längst verspielt. Es ist auch sinnlos, wiederholt zu versuchen, die Mottenkiste des braven Bürgertums auszuleeren. Das Volk, wie sie meinen, ihr Volk, glaubt längst nicht mehr an diese Märchen von guten, staatsbürgerlichen Pflichten. Von einer prioritären Verpflichtung, alle Einflüsse der Veränderungen zu bekämpfen. Manchmal hat man den Eindruck, ein Herrscher mit Pickelhaube sollte es wieder richten. Was treiben da eigentlich die ewig Gestrigen für ein dämliches Spiel? Im Parlament wirken die auf mich wie eine Gruppe trotziger Blagen im Kindergarten. Ich kann nicht erkennen, welchen positiven Beitrag die rechten Politiker für unsere Gesellschaft leisten. Gut, dass sie mich noch nicht umerziehen können. Soweit sollte es auch nicht kommen, wenn die Demokraten mehrheitlich wachsam bleiben. Insofern wünsche ich mir eine Polizei, die Recht und Ordnung für alle sicherstellt, nicht nur für eine politische Gruppierung, die tatsächlich unsere Grundordnung infrage stellen könnte. Also bitte keinen Polizeistaat der üblichen Art, wie er in autoritären Systemen ertragen wird. Wenn hier vor der Öffentlichkeit verborgen Veränderungen passieren, ist das eine reale Gefahr, die wir rechtzeitig abwenden sollten.In Bayern wird gerade ein neues Polizeigesetz durchgesetzt. Man sollte kritisch hinterfragen, ob hier nicht mit Kanonen nach Spatzen geschossen wird. Bisher hatte die Polizei Probleme wegen des ständigen Abbaus von Personal. Ist die Verschärfung von Gesetzen die Antwort auf den Ausgleich des selbst verschuldeten Missstands? Jedenfalls werden die Gerichte und Rechtsanwälte zukünftig noch mehr beschäftigt sein. Halleluja, soag i!

Ich bin deutsch, weil ich mir wünsche, dass ein Europa des Zusammenhaltens und des Friedens entsteht. Ich bin deutsch, weil ich weiß, dass sehr viele Menschen die gleichen Wünsche und Vorstellungen haben. Ich bin deutsch, weil ich auf diese Mitmenschen setze und sie mir mehrheitlich Rückhalt und Zuversicht geben. Dass sie garantieren, dass unser System mit gemeinsamer Kraft gestärkt wird und erhalten bleibt.

berndg42; 10. April 2018

Werbeanzeigen

Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
Dieser Beitrag wurde unter Lyrik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s