„Calliope“…nur ein Aprilscherz?


Ein neues Wundermittel, das in die Schulen kommen soll. Haben die Politiker jetzt endlich das Instrument, um ihrer Verpflichtung nachzukommen? Geld genug ist ja vorhanden. Dieser handliche Spielcomputer kostet so zwischen 30 und 38 EUR. Dreimal so viel wie der „Kniwellino“, ein luxembourgisches Spielzeug, das man schon für unter 10 EUR kaufen kann. Ja ABER: „Unser Kleiner kann mehr!“ So würden hierzulande die Vertreter und Erfinder argumentieren. Und war da nicht zuvor bereits der „Micro-Bit“, der in den Schulen von Great Britain das Licht der Welt erblickte?

Ein richtiger Ansatz kam mit der grafischen Computersprache „Scratch“. Mit spielerischen Elementen sollen die Kinder die Welt des Programmierens entdecken. Man schiebt mit der Maus die Anweisungen und Objekte auf dem Bildschirm einfach an die richtigen Stellen, und schon wird daraus ein „Programm“. Hinter den grafischen Elementen verbergen sich ganze Blöcke Kodierungen in vorgefertigten Algorithmen. Und wohin geht der Trend? Nach immer mehr verdichteten Code, der den Kindern die Arbeit erleichtern soll. Einen möglichst kurzen Weg bis zur perfekten Funktion will man erreichen. Kinder sind ja manchmal ungeduldig.

Man versteckt die eigentliche Programmierung in aufwendigen Editoren, die nicht immer so funktionieren, wie ein Anfänger sich das vorstellt. Ich habe selbst schon oft Software geschrieben und hatte dennoch Probleme, im neuen Editor für den Calliope den Begriff der Variablen zu finden. „Platzhalter“ nennt man es hier. Muss das sein? Kommt mir vor wie damals, als die Entwickler der Sprache „C“ für den allen bekannten Begriff der Adresse das Wort „Zeiger“ einführten. Man könnte mit Erfolg darauf wetten, dass ein großer Teil der heutigen Programmierer in ihrer Denkwelt weit weg von der Hardware ist. Ihnen ist vielleicht nicht täglich bewusst, dass ihr Code eigentlich nur eine Sammlung von Anweisungen an die Mikroelektronik und das jeweilige Betriebssystem ist. Macht ja auch nichts, denn man hat diesen Mangel der Unportierbarkeit ja bereits mit der Einführung von Interpretern gelöst. Dennoch geht der Weg zur Abstrahierung stetig voran. Als ob sich früher der Programmierer mit seiner prozeduralen Sprache nicht auch um sein Objekt gekümmert hätte, so bringt man heute neue Begriffe ins Spiel, die es einem Anfänger nicht leicht machen zu verstehen, worum es eigentlich geht. Die Objekt-orientierte-Programmierung(OOP) hat inzwischen das Feld der Profis erobert. Und dann wird dem Lernenden erklärt, dass ein Lenkrad zur Klasse des Autos gehört. Hilft ihm ganz bestimmt nicht, den Zugang zum Erstellen von anspruchsvoller Software ohne teure Lehrgänge zu finden. Gewollt vielleicht, denn man kann mit einer künstlich erzeugten Komplexität ja leicht auch Geld verdienen. Softwareschulen füllen die Marktlücke. Kommt hinzu, dass man mit unzulänglicher Übersetzung aus dem Englischen(Amerikanischem) noch unnötig für Verwirrung sorgt. Toll, dass da endlich mal was getan wird, die Fähigkeiten unseres Nachwuchses zu bilden, um gewisse Abhängigkeiten auszugleichen. Nur mit dem KwowHow unserer jungen Ingenieure können wir uns künftig auf dem globalen Markt behaupten. Sollte doch endlich begriffen werden!

Typisch deutsch auch, dass man sich bei den Humanisten die geistige Rückenstärkung holte, indem man dem neuen Wunder einen griechischen Namen gab. Haben hier wieder die Altphilologen den Schlüssel aus der Hand gegeben? Ich wusste am Anfang nicht mal, wie man Calliope spricht. Liegt die Betonung auf dem „i“ und spricht man am Ende ein betontes „e“? Erst ein kurzes Video mit dem WDR brachte mich auf den Weg. Ich lernte, dass man es wie Antilope ausspricht. Na prima, nun habe ich schon mehr verstanden. Frage mich aber, ob die Kenntnis der griechischen Mythologie uns hilft, auch nur einen Millimeter Abstand vom atomaren Weltkrieg zu gewinnen. Aus der Geschichte habe ich nur eine Erkenntnis: Die weisen Philosophen versuchen es mit der Macht der Einsicht, der Krieger aber setzt auf die Kraft seiner Muskeln. Den Konflikt zu lösen hilft dieses Wissen mir jedenfalls nicht, wenn ich verinnerliche, dass Calliope eine Tochter des Zeus war. Die Namensgebung „Kniwellino“ hat etwas Niedliches und ist ganz sicher näher am kindlichen Gemüt.

Und nun kam schon gleich bei meinem ersten Kontakt die Enttäuschung mit Calliope: Ich wollte mein Spiel „Casino“ nachbilden. Fünf LEDs leuchten nacheinander auf. Mit einigem Geschick kann man den Vorgang so stoppen, dass alle fünf LEDs strahlen, denn nach jeder Runde beginnt ein neuer Zyklus und alle Dioden sind für eine Moment dunkel. Der kleine Wundercomputer hat ja zwei Tasten. Also könnte ich die eine für den Start und die andere für das Anhalten verwenden, so meine Hoffnung. Oder noch einfacher: Halte die Taste B gedrückt und der Zyklus läuft ständig. Erst nach dem Loslassen der Taste sollte er an beliebiger Stelle(Phase) stoppen. Aber denkste: So einfach geht das nicht! Der Simulator lief munter weiter, obwohl ich längst die Taste gelöst hatte. Und was noch viel schlimmer ist: Ich kann die Verzögerung zwischen dem Aufleuchten der Dioden beliebig verringern, der Zyklus läuft immer in einer Geschwindigkeit ab, die selbst für einen halbgelähmten Spieler keine Herausforderung ist. Mit anderen Worten: Das Spiel Casino macht auf dem Calliope keinen Spaß, ist sinnlos!

Muss ich mir jetzt erst einen konkreten Calliopecomputer kaufen, um das Programm auf ihm zu testen? Um nachzuprüfen, was wirklich passiert? Der Insider hat sicherlich eine Antwort parat. Und ist ja alles halb so schlimm. „Sie haben da etwas falsch verstanden!“ Und so weiter, und so weiter… Man kennt das ja, wenn was mit heißer Nadel Gestricktes daherkommt. Und das erklärt natürlich, weshalb man das Ding nicht ohne Helfer ausprobieren kann. Vielleicht doch nichts für ungeduldige Schüler?

Jedenfalls warte ich mal skeptisch ab, ob sich der Calliope durchsetzen wird. Die Whiteboards sind ja auch nicht das Gelbe vom Ei, wie so manche Lehrkraft bestätigen könnte. Aber man soll auch Neuerungen nicht gleich verteufeln. Ich werde mir selbst keinen Calliope kaufen, aber vielleicht schenkt mir mal jemand so ein Gadget. Und aus Erfahrung weiß ich, dass da noch so manche Änderungen in Hard- und Software zu erwarten sind. Schließlich wird auch dieses Produkt dem üblichen Preisverfall ausgeliefert sein. Die Industrie will ja nicht auf Halde produzieren und wird ständig neue Features anbieten. Doch inzwischen habe ich die roten Unterlinien in meinem Schreibprogramm abgestellt: „Calliope“ ist vielleicht doch kein Aprilscherz und wurde ins Wörterbuch aufgenommen!

berndg42; 1. April 2018

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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