Angriff auf die Beamtenpensionen


Vorweg: „Eigentlich reicht es mir!“

Ich bin 76 Jahre alt und war lange genug im Staatsdienst. Nicht zuletzt macht heute das Unternehmen, das noch am Ende meiner Dienstzeit privatisiert wurde, allein durch meine erbrachten Leistungen einen Gewinn von mehr als 300 Mio EUR im Jahr. Ich erhalte eine Pension in der Höhe von 71,5% meiner letzten Besoldung. Damit komme ich natürlich im Alter gut aus und bin deshalb zufrieden, weil ich diesen Anspruch in früheren Jahren teuer bezahlt hatte. Denn immer dann, wenn ich mit Studienkollegen ins Gespräch kam, bedauerten die damals meinen Schritt, als Ingenieur dem Staat zu dienen. Sie machten sich über das niedrige Entgelt lustig und hielten mich erkennbar für blöd und unfähig, ein anständiges Gehalt mit in die Familie zu bringen. Tatsächlich war es damals einfach einen gut bezahlten Posten in der Wirtschaft zu bekommen. Selbst im Ausland waren deutsche Ingenieure gefragt. Und tatsächlich leistete ich vor dem Einstieg in eine Laufbahn auch noch den Wehrdienst, sodass ich erst mit ca. 30 Jahren in die reguläre Arbeitswelt einstieg. Also hatte ich lange Zeit ein bescheidenes Einkommen. Später ging es dann mit der Regelbeförderung auch nicht besonders zügig, sodass ich erst nach fast vierzig Jahren Dienst ein Gehalt bekam, das eines Ingenieurs würdig war. Dennoch war ich nicht neidisch oder verbittert. Wenn ich aber jetzt das Geschrei um die zu hohen Pensionen höre, sträuben sich mir die Haare(Verband der jungen Unternehmer; Angriff auf die Beamtenpensionen Von Dorothea Siems | Veröffentlicht am 19.11.2017).

Der Verband ist sicherlich dem Namen nach mit jungen Leuten besetzt. Ältere Mitglieder müssten doch wissen, wie damals die Verhältnisse waren. Ich habe ja Verständnis für vergleichende Berechnungen, aber man sollte sich schon gründlicher informieren, bevor man den Mund weit öffnet. Und gerade die jungen Unternehmer sind doch diejenigen, die heute ganz gut ans Geld kommen. Gerade weil die Löhne so niedrig sind und weil sie durch die Geldpolitik ebenso an günstige Kredite kommen.

Andererseits sind es gerade die Wirtschaftsunternehmen, die besonders in der produzierenden Industrie nach Facharbeitern rufen und händeringend beteuern, dass sie keine finden. Diese Entwicklung war abzusehen. Die Politik der bürgerlichen Parteien hat sich viel zu lange nicht um die Bildungsarbeit im MINT-Bereich gekümmert. Sie tut es auch heute noch nicht und wie es scheint, legt man auf die technische und naturwissenschaftliche Ausbildung der jungen Leute nicht viel Wert. Und so in einem Hightech-Land erster Klasse, wie man immer wieder stolz verkündet!

Als Ingenieur hatte ich mich vor über elf Jahren für die ehrenamtliche Mitwirkung in Grundschulen beworben. Anfangs führte ich in Arbeitsgruppen die Schüler in die Welt moderner Technik und wir hatten sehr viel Spaß an Sachthemen, die nicht im Regelunterricht angelegt sind. Grundschüler sind noch ansprechbare kleine Forscher, die eine natürliche Neugier mitbringen und aufgeschlossen mitmachen. Ich habe immer nur Lob von den Schulen und Eltern gehört und Begeisterung bei den Kindern geweckt. Meine Zielsetzung war natürlich eine gewisse Kompensation des Mangels in der Bildung unserer Kinder zu erreichen. In Darmstadt und Umgebung bin ich in den Schulen bekannt und man möchte nicht daran denken, dass ich aus Altersgründen ausscheiden könnte. In über zehn Jahren haben wir fleißig das Elektroniklöten geübt, ein einfaches Kurzwellenradio(> 1000 Stck!) gebastelt und erfahren, dass der Mensch im Verhältnis zum ganz Kleinen und ganz Großen im Universum in der Mitte der Dimension steht. Die Kinder lernten Grundwissen zur Physik der Elektrizität und der Astrophysik. Sie wissen auch besser als mancher Politiker, was Radiowellen sind. Mein Verein, der sich bald in Darmstadt gründete, betreut aktuell sechs von achtzehn öffentlichen Grundschulen in gleicher Weise. Leider findet man nur schwerlich Rentner oder Pensionäre, die unseren Einsatz unterstützen wollen. Die meisten Mitbürger der älteren Generation buchen lieber eine Kreuzfahrt in die Karibik und bringen so das Geld in den Umlauf.

Und nun komme ich auf den Punkt:
Vielleicht kann man meinen Frust und meine Empörung verstehen, wenn ich die o.g. Forderung des Verbandes Junger Unternehmer kritisiere. Gerade für diese Gruppe der Gesellschaft habe ich die letzten Jahre viel getan, damit der Nachwuchs an Fachkräften nicht zum Desaster führt. Und das wollen die jetzt damit belohnen, dass man mir weniger Pension auszahlt? Ich kann den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft versichern, dass ich sofort meinen ehrenamtlichen Technikunterricht an Grundschulen einstellen werde, sobald hier eine Tür für diese Einsparungen an der falschen Stelle geöffnet wird.

Ich bin eigentlich sehr offen für die Diskussionen über Gerechtigkeit in der Gesellschaft, aber bestimmten Kräften, die immer wieder nach Argumenten suchen, die von der Öffentlichkeit erfahrungsgemäß nicht hinterfragt werden, weil sie populär sind, auch nur den kleinen Finger zu reichen, werde ich tunlichst vermeiden. Sollte man mir die Pension kürzen, werde ich auch alle meine sonstigen ehrenamtlichen Tätigkeiten sofort einstellen.

berndg42; am 3. Januar 2018

Werbeanzeigen

Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
Dieser Beitrag wurde unter Lyrik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s