Grüne Steine


Über Nacht wurden sie vor dem Haus abgelegt. Niemand hatte sie bestellt. Und eigentlich störten sie den Anblick des gepflegten Grundstücks nicht. Wenn da nicht die Neugier der Nachbarn erwachen sollte. Sie stellten Fragen und erhielten mit einem Achselzucken nur ausweichende Antworten: „Wir wissen nicht woher sie kommen und wer sie uns gebracht hat“. Und langsam mehrte sich das Volk vor dem Haus. Einige meinten, dass sie doch eine Zierde für den Vorgarten seien und gingen vorüber, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Einer bot freundschaftlich an, sie wieder wegzuräumen. Doch bei jedem Schlag mit dem Hammer kam dieser mit gleicher Wucht zurück. Nicht der kleinste Riss im Gestein ließ sich nachweisen.

Das Rätsel verbreitete sich schnell. Journlisten planten gründliche Recherchen. Man befragte Wissenschaftler. Astrophysiker sprachen von einer möglichen Kondensation der dunklen Materie. Wieder andere bemühten den Himmel und gaben kluge Ratschläge, sich demütig zu zeigen. Man vermutete tiefe Wurzeln unter den Steinen. Mit dem Radlader ließen sie sich nicht bewegen. Und jeder Versuch sie anzuheben, scheiterte. Die metallenen Konstruktionen der stärksten Bagger wurden wegen des falsch eingeschätzten Gewichtes einfach verbogen. Und wenn man die Erde unter den Steinen wegräumte, sackten diese nach. Immer tiefer. Es bildete sich ein Trichter bis zu einem Radius, der anderen Häusern bedrohlich nahe kam. Und über Nacht kamen unbemerkt wieder neue Steine hinzu.

Eine seltsame Beobachtung wurde zur allgemeinen Warnung, nämlich die Steine nicht zu berühren. Man bemerkte, dass die Menschen unsterblich wurden, wenn sie sich mit den grünen Felsen einließen. „Nicht besetzen , nicht berühren!“ stand auf einem Schild. Und die Bewohner des Hauses konnte man nicht mehr befragen, warum sie den Ort verlassen hatten, denn sie waren unauffindbar ausgezogen. Die Gemeine beschloss die Übereignung, falls sich nach einer angemessenen Frist kein Besitzer melden sollte. Man versuchte die Steine mit Sprengstoff zu zerlegen. Erfolglos. Sie bewiesen eine nie gekannte Härte. Und Physiker warnten vor einem unbedachten Vorgehen. Es könnte sein, dass diese unbekannte Materie bis zum Erdmittelpunkt wandern würde. Nichts könne sie aufhalten, denn ihre Masse sei unvorstellbar groß. Und tatsächlich konnte man beobachten, dass dieses Gelege von Dinosauriern immer weiter in den Boden eindrang.

Es kam jemand vorbei, der Seltsames zu berichten wusste. Diejenigen, die die Steine näher untersuchten, siedelten jetzt in den Bergen. Sie werden über Nacht zu gleichem Anteil jünger, wie sie am Tag zuvor gealter sind. Sie sind jetzt unsterbliche Wesen, die aber nicht mehr miteinander reden. Denn sie sind von großer Weisheit beseelt, dennoch nicht sehr glücklich mit ihrem Sein. Den Fluch der Moderne, nannten es die Texteschreiber. Und die Neunmalklugen fanden ihre Voraussagen vom Besuch der Außerirdischen bestätigt.

Dunkelgrün waren sie, alle diese eiförmigen Gebilde. Und eigentlich ganz friedlich, wenn man sie nicht beachtete. Aber alles Fremde ist den Menschen unheimlich und muss weg. So dachten sie und zeigten keine Vernunft. Manche meinten, dass die ehemaligen Bewohner ein Magazin abboniert hatten, das zum Frieden in dieser Farbe aufruft. Aber das waren nur Spekulationen. Und dann schaltete sich die Politik ein. Es wurden lauthals Wahlversprechen gemacht. Von Sicherheit war die Rede. Und von der Notwendigkeit, den Staat zu schützen. Die Anarchie als Schreckgespenst beunruhigte die Leute. Gruppen von neuen Parteien wollten mitbestimmen, wie die Sache aus der Welt geschafft werden solle. Das Problem wurde zum dominierenden Thema. Neben der ständigen Werbung füllte jetzt die Gegenwart der Steine den Bildschirm. Man wollte schon nicht mehr einschalten, denn auch die Nachrichten brachten nur abgewandelte Darstellungen der Rätseleier. Sogar in anderen Farben wurden sie präsentiert, obwohl doch jeder mit eigenen Augen sehen konnte, dass sie grün waren. Die Objektivität der Berichterstattung hatte die üblichen Verschleißbilder erreicht. Die Konsumenten ließen sich wie eingeprügelt nicht mehr von der Flut der Informationen überfordern, sie bildeten einen dicken Panzer der Gleichgültigkeit.

Doch dann färbte sich der Himmel rot. Mittags um zwölf, was ganz ungewöhnlich war. Es regnete leuchtende, farbige Tropfen. Lautlos und ohne der Natur zu schaden. Vorübergehend wurde alles gelb. Die Menschen flüchteten in ihre Häuser, um sich nicht einzufärben. Schlossen Türen und Fenster und bangten um die Welt. Jetzt waren sich alle einig darüber, dass sie zusammenhalten sollten. Entsprechende Aufrufe kamen aus den Lautsprechern der elektronischen Medien. Das Internet war allerdings blockiert. Selbst die Hacker hatten keine Verbindungen. Nachrichten blieben für einen ganzen Tag aus. Die Menschen fürchteten sich. Erst als die Sonne am nächsten Morgen durch die Wolken blickte, wagten sie einen Schritt vor die Türen. Und zu aller Überraschung bot die Erde ein friedliches Bild. Keine Spur von der gelben Farbe blieb zurück. Und das Verschwinden der Steine kam wie eine Erlösung über sie. Damit hatte niemand gerechnet.

Die Alten erzählen noch heute davon. Die Kinder staunen, aber fragen nicht, was man aus dieser Begebenheit hätte lernen können. Leider…

berndg42; 16. Oktober 2017

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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