Unsymmetrien bewegen die Welt


Symmetrische Kräfte sind im Gleichgewicht. Es bewegt sich nichts. Die Störung der Symmetrie führt zum Aufbau einer Bewegungsenergie. Diese kann nur durch Gegenkräfte abgebaut werden. Sind sie nicht wirksam, dreht sich z.B. die Erde über viele Millionen Jahre.

Das Prizip der ungestörten Symmetrie und die Reaktion darauf, diese wiederherzustellen, ist überall zu entdecken. Es ist uns nicht immer bewusst. Aber wenn die Unsymmetrie mit dem Streben nach Symmetrie, nach der Wiederherstellung der Symmetrie, wirksam wird, dann geschieht etwas in unserer Welt. Und was mich besonders überrascht, ist die Beobachtung, dass dieses Prinzip nicht nur in der materiellen Welt gilt. Es spielt sich ebenso in der geistigen Welt ab. In der bildenden Kunst, in der Malerei, ist die Symmetrie und ihr spiegelbildliches Gegenteil ein Stilmittel, das zuweilen eine spannende Beschäftigung beim Betrachter auslöst. Das Bemühen um Schönheit wird durch Symmetrien erleichtert. Sogar den Stabreim könnte man so einordnen. Und letztlich lebt auch die Lyrik von Gleichheiten oder Ungleichheiten der Bilder im Kopf des Lesers, die die lyrisch geschriebenen Worte bewirken.

Die Symmetrie ermöglicht die wesensgleiche Kopie der Viren, Bakterien und Einzeller. Die Gattung der höheren Säugetiere zeigt sich immer in symmetrischen Formen. Wir haben Augenpaare, Beinpaare und Armpaare. Selbst die Finger unserer Hände sind symmetrisch angelegt. Es scheint so, als ob die Symmetrie eine wesentliche Voraussetzung für eine optimale Funktionalität ist.

Im Kosmos gelten überall dieselben Naturgesetze. Selbst in Entfernungen von Milliarden Lichtjahren können wir die Rotverschiebung nachweisen. Im atomaren Bereich sind viele Symmetrien wirksam. Und selbst im Allerkleinsten, in der Welt der Teilchenphysik, ist die Symmetrie ein wesentliches Prinzip beim Aufbau der Materie. Hier kann man sogar mit Hilfe der Mathematik nachweisen, dass sich symmetrische Strukturen besser durchgesetzt haben als solche, die spontan aus dem Chaos entstanden. Die Wetterkunde muss beide Erscheinungsformen berücksichtigen. Die Botanik kann von Formen berichten, die in der Pflanzenwelt eine vorrangige Rolle spielen. So ist die Ausformung der Farne als eine der ältesten Gattungen über alle Millionen Jahre stabil geblieben. Und selbst die Urzeitkrebse sind symmetrisch ausgebildet.

Harmonien entstehen durch Zahlenverhältnisse, denen eine Symmetrie innewohnt. Beim Hören von Musik bilden sich wohltuende Anregungen in unserem Gehirn, die wir als positives Erlebnis bewerten. Manchmal berührt uns ein Zauber, der uns für Augenblicke des Entzückens einen Einblick in die Einmaligkeit unserer Existenz gibt. Wir erfahren den Stillstand der Zeit, die Unbeweglichkeit der Welt, der eine göttliche Symmetrie innenwohnt. Und dem modernen Physiker kommt dabei der Gedanke an den Urknall in den Sinn, der als Ungleichgewicht einer Singularität, der verbotenen Störung eines quantenmechnischen Vorgangs betrachtet wird und wie man ihn gegwärtig auch so erklärt. Es bleibt natürlich unbeantwortet, wer dafür verantwortlich war oder ob es vielleicht ein gewollter Zufall sein sollte oder nicht. Hier beginnt der Glaube an eine übernatürliche Macht, die uns führt und alles versteht.

Für die Menschheit ist der Blick nach oben eine Erlösung von dem Problem, über das Warum und und seine Folgen nachzudenken. Das Prinzip der göttlichen Führung erleichtert den Drang unserem Zweifel nachzugeben. Demütig unterwerfen wir uns dem erlösenden Bild einer Übermacht und fügen uns in unser Schicksal. In der religiös ausgeprägten Hingabe wird es sogar zum Gebot, über die Welt und den Sinn unserer Existenz nicht nachzudenken und andere Bilder zu verfolgen. Der Glaube stabilisiert das Zusammenleben in Gruppen und größeren sozialen Einheiten. Das gemeinsame Hoffen auf eine bessere Welt konzentriert die Gedanken der Gläubigen durch den Klirchturm hinauf zum Himmel. Mit Gott im Gleichgewicht sein, ist eine spezielle Symmetrie, die unser Leben erfüllen kann. Das ist jetzt kein hergesuchtes Bild. Man denke nur an das Gegenwirken des Antichristen, den Teufel. Und im Suchen nach dem Gleichgewicht der Mächte hat die da oben immer etwas mehr zu bieten. Fast ist es so bestellt, wie im Augenblick des Urknalls, als ein überflüssiges Teilchen nicht eingeordnet werden konnte. Die göttliche Überlegenheit allerdings ist eine andauernde Störung des Gleichgewichts der Kräfte, die uns bei einem anderen Verlauf oder dem gänzlichen Ausbleiben vielleicht unbekannt gebliebenen Symmetrie der Mächte. Hier gibt es kein Entweder-Oder. Hier hat sich eine Anpassung durch Ungleichheit stabilisiert, als Gott in die Welt der Menschen kam.

Manchmal stelle ich mir vor, dass die Physik im Universum nicht einheitlichen Regeln folgt, sondern immer wieder wandelbar ist. Könnten wir in einem solchen Kosmos dauerhaft leben? Ohne stabile Regeln, ohne die Möglichkeit, verlässliche Voraussagen zu treffen? Die Antwort, die sich mir anbietet, ist ein zweifelsfreies Ja. Denn wir kennen solche Erscheinungen, die sich nach Stabiltät und dauerhaften Bestand ausrichten. Es ist die bekannte Evolution der Lebewesen. Unsere Gene versuchen sich immer wieder an die Veränderung der Umweltbedingungen anzupassen, unseren Organismus zu optimieren. Man könnte sagen, dass auch hier ein Gleichgewicht zwischen Anforderungen und Möglichkeiten gesucht wird. Am Ende ist die permanente Anpassung die eigentliche Symmetrie dieser Phänomene, durch die ein Leben über eine begrenzte Zeit möglich wird. Und vielleicht ist das ein Urgeheimnis des Lebens überhaupt. Die Frage nach seinem Entstehen wird dann obsolet, denn sie wäre ebenso rätselhaft wie das kosmologische Problem.

Als Erkenntnis bleibt hier wieder das Bild der Kompensation, der Aufhebung von Abweichungen und Störungen, dem Streben nach dem Gleichgewicht. Aus einer im Ungleichgewicht befindlichen Gegenwart der Zustände wird so ihre mögliche Zukunft. Und ich denke, wir können uns auf die Beständigkeit und allgemeinen Geltung dieses Prinzips verlassen. Aber welche Bedeutung hat dieses Wissen darüber?

Nun gut, wir können täglich alle Vorgänge darauf prüfen, ob das Prinzip eingehalten wird. Wir können verlässlich voraussagen, dass eine Ungleichheit im Geistigen wie im Materiellen nach Ausgleich sucht. Selbst politische Spannungen verlangen einen von allen Beteiligten einverständlichen Kompromiss. Das ist gewiss, aber dieser sollte nicht der Krieg sein! Das wäre eine Erkenntnis, die uns das Prinzip lehrt und unsere Aktionen zur Disposition stellt. Ein Verhalten einfordert, um die Anpassung zu erfüllen, den zweiten Ausgleich, der das Leben und Überleben möglich macht. Wenn wir uns diese Erkenntnis zu Eigen machen und unsere Ziele danach ausrichten, dann führt das zu einem Zusammenhalt, der ohne Konflikte auskommt. Eine Befriedung der Welt wäre möglich, wenn wir uns an die Regeln dieses Prinzips halten würden. Das ist keine abstrakte Forderung, denn wir können es alltäglich üben und uns ständig verbessern. Wenn wir uns das Prinzip immer vor Augen halten, dann funktioniert auch die Welt im Ganzen besser.

berndg42; im Juli 2017

Werbeanzeigen

Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
Dieser Beitrag wurde unter Lyrik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s