Dekadenz oder ist unsere Kultur nur das Opfer der Werbung?


Ich sehne die Zeit der Roboter herbei. Dann endlich kann die Wirtschaft Maschinen bewerben und ich bin frei von dieser Belästigung. Selbstverständlich erhalten meine Roboter keinen Zugang zu meinem Konto. Und es wird eine Weile dauern, bis die Werbefuzzis das merken. Auch künstliche Intelligenz fürchte ich nicht. Sie wird zu Beginn nicht wirksamer sein, als das Verhalten der Mehrheit des Wahlvolkes. Denn schon wieder feixen sich die Schwarzen einen, weil die Roten wiederholt zu blöd sind eine Wahl zu gewinnen. Und warum auch? Der Stillstand der Ideen ist doch allenthalben offensichtlich, leider aber ohne Lobby für eine Veränderung. Den ewigen Oberlehrer der Finanzen sollte man in seine Viertausend-Seelen-Gemeinde abschieben. Dort kann er ja am vorderen Schwarzwald seinem Willen freien Lauf lassen. Die südliche Bevölkerung Europas hat er schon genug gequält. Und die Finanzwelt amüsiert sich mal wieder über seine Kurzsichtigkeit, so nahe am nächsten Zusammenbruch.

Und man kann nur hoffen, dass ein Putin standhaft bleibt und den Verlockungen der Falken in seinem Militär nicht nachgibt, mal eben Westeuropa thermonuklear einzuäschern. Da kauft man doch einfallslos wieder Panzer, statt endlich mit unseren technischen Möglichkeiten ein wirkungsvolles Raketenabwehrsystem selbst zu entwickeln. Die Mittel und die Fähigkeiten unserer Ingenieure dafür wären vorhanden. Was für eine trügerische Sicherheit wird stattdessen versprochen, wenn es darum geht, das Verschlafen und die dilettantischen Fehler unserer Polizei und Geheimdienste zu vertuschen. Man blökt den Skinheads und uneinsichtigen Betonköpfen hinterher, um sich ihre Wahlstimmen zu sichern.

Es macht auch keinen Sinn, die ewig Gestrigen umzupolen. Denn sie werden immer mehr ihren Altersstarrsinn entwicklen. Diese innerlich verfestigte Überzeugung, die sich ohnmächtig dem unbewältigtem Fortschritt ausgesetzt sieht, kann man nur ignorieren. Wir müssen bei der Jugend beginnen. In ihr eine Überzeugung vertiefen, die davon ausgeht, dass wir alle gemeinsam nur durch ständiges Lernen überlebenstüchtig werden. Dass nur unser Erfindertalent uns vor der Übervorteilung durch andere Völker schützen kann.

Das KnowHow muss im Land bleiben. Die Fähigkeit zur Innovation im technischen Bereich muss unsere Stärke sein. Dazu ist Bildung nötig. Aber eine Bildung, die die Naturwissenschaften nicht vor der Tür des humanistischen Theaters stehen lässt, wie es zur Zeit geschieht. Die selbstgefälligen Bildungsbürger werden ohne Energieversorgung im Winter erfrieren, im Sommer durch zu hohe Temperaturen dem Keislaufkollaps zum Opfer fallen. Diese spießigen Durchschnittsintelektuellen mit ihrem Anspruch zur antiquierten Unterhaltung müssen erkennen, dass sie seit einigen Jahrzehnten der Dekadenz die Zukunft bereits verpasst haben. Eine wagemutige, mit frischen Ideen überzeugende und tatkräftige junge Generation muss einen neuen Anfang machen. Es genügt nicht, sich mit Bodylotion geduscht in die muffigen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Polsterstühle der Oper zu setzen, um die sogenannte bildungsbürgerliche Kultur zu verinnerlichen.

Kultur ist Ausdruck des Zeitgeistes. Und an dem mangelt es an allen Enden. Hier hat nicht zuletzt eine Medienmafia auch Schuld daran. Man hat den Eindruck, dass zu viele Köpfe nur zum Quasseln und Krawattenbinden tauglich sind. Immer wieder bauen diese überdrüssigen und schwer zu ertragenden Typen auf dem Bildschirm täglich mein Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Jounalismus‘ ab. Eine Nachrichtensendung als Entertainment zu verstehen, ist ein deutliches Zeichen des Verfalls geistiger Potenz, Zeichen der Dekadenz. Natürlich braucht man für eine anspruchsvolle Unterhaltung im Fernsehen auch das dafür notwendige Geld. Wenn wir aber widerspruchslos dulden, dass sich die Betreiber die Taschen füllen, dann können wir ja gleich die Verantwortung für unsere kulturelle Bildung an die Werbeindustrie abgeben. Für Konsumwerbung wird mehr Geld aufgewendet als für gute Filme. Und das Programmangebot wird zunehmend schlechter. Neben Fußball nur noch endlos lange Werbeblöcke. Nun, man kann sich damit abfinden. Und am Ende sollten die Flachköpfe, die damit zufrieden sind, hoffentlich auch dafür bezahlen.

Ich stehe jetzt im letzten Viertel meiner Lebenszeit und blicke zurück. Und versuche mir ein positives Bild von der Zukunft meiner Nachkommen zu machen. Indes fällt mir das immer schwerer. Zum einen stimmen ja die Voraussagen der Unruhen, die dem Bevölkerungszuwachs zugeschrieben wurden. Die Verteilungskämpfe nehmen zu. Der Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe an den Resourcen wird inzwischen als selbstverständlich anerkannt. Nur geht es manchen Potentaten offensichtlich nicht schnell genug, in Besitz und vergrößerter Herrschaft zu kommen.

Die Rücksichtslosigkeiten, die Bedrohungen durch Demonstration der Stärke lassen keinen Zweifel daran, dass vor allem die großen Volksgemeinschaften das Sagen haben wollen. Die Menschenwürde, die menschliche Nächstenliebe bleiben auf der Strecke. Eine Weltpolizei, die allgemeinen Schutz garantieren könnte, gibt es nicht. Die atomare Aufrüstung schreitet fort. Das Risiko des Atomkriegs steigt unaufhaltsam. Die Menschen verdrängen den Gedanken an den großen Knall. Und das ist der Rausch der Ohnmacht, der allgemein empfunden wird. In der Folge zieht man sich zurück, verschließt die Haustüren und lässt sein Grundstück bewachen. Man ruft nach dem starken Staat, der eine starke Polizei verspricht. Man wendet sich ab von allem Unbekannten, von fremden Zuwanderern. Man ist allgemein ratlos. Die Rattenfänger, die mit den politischen Ideologien einer zerstörerischen Vergangenheit, haben wieder Zulauf. Die politischen Führer der Mitte bieten nur langweilige Beschwichtigungen an, haben selbst keine Lösungen, die uns vom Frust befreien könnten. Die Parteienlandschaft wird zerstückelt. Die politischen Programme künftiger Regierungen werden ein Flickwerk von vielen Interessenvertretern sein.

Es fehlt an geistiger Führung, die uns Freiheiten anbietet und ohne Einschüchterungen auskommt, ohne Hass und Überheblichkeit gegenüber Andersdenkenden. Jegliche Einschränkung der Meinungsfreiheit ist inzwischen nicht mehr suspekt. Man duldet Intoleranz, wenn es um die eigenen Schutzbedürfnisse geht. Wenn es darum geht, die virtuellen Gefahren abzuwehren, die Angst als Syndrome eingebildeter Kranker als normal zu empfinden und sie zugleich zu verdrängen. Man duldet verständnisvoll und ohne Skrupel eine Fremdenfeindlichkeit, die Hoffnung gibt, wieder vertraute Verhältnisse herzustellen. Die schleichende Verachtung gegenüber Fremden wird hingenommen und gipfelt schließlich im teilnahmslosen Gaffen, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen.

Toll, wie schnell die Zeiten des letzten deutschen Diktators vergessen wurden!

Mir graut es immer wieder, wenn ich das menschenverachtende Geschwafel bestimmter Recht-und-Ordnungs-Fanatiker höre. So mancher von denen wurde zu spät geboren und passt eigentlich nicht in die Gegenwart. Und ich kann mir kaum vorstellen, solche Typen noch einige Jahre ertragen zu müssen. Danke Deutschland, würde ich sagen, wenn ich noch jünger wäre und mich leichter entscheiden könnte, das Land zu verlassen. In einer Meinungsdiktatur von dominanten Garanten der bürgerlichen Pseudosicherheit und Stärke, im totalen Überwachungsstaat, möchte ich nicht leben wollen. Ich hoffe daher auf ein baldiges Verschwinden solcher Charaktere, die mich mit ihrer Gefühlskälte und Arroganz bedrücken, für die ich mich im Ausland schämen müsste. Leider ist dieser Frust auch ein Merkmal einer permanenten geistigen Unzufriedenheit, die mit dem beklagten Verfall der Kultur zu tun.

Abschließend möchte ich meine Jammerei jedoch mit einem positiven Ausblick versöhnen: Die Zukunft gehört den Kindern! Und sie allein sind meine Hoffnung. Deshalb gebe ich ehrenamtlich Technikunterricht an Grundschulen. Ich liebe die unvoreingenommene Energie der Kinder. Sie sind ohne Schuld und Verantwortung. Sie sind nur sich selbst treu und gehen ihren Träumen nach. Vielleicht naiv, wie man es ihnen gern zugesteht, aber offen und ehrlich. Tugenden, die ich bei erwachsenen Mitbürgern schmerzlich vermisse.

berndg42; 1. Juni 2017

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Über berndg42

Jahrgang 1942, "die Wahrheit hat keine Lobby!" Hier noch eine Selbstdarstellung: Lieber Tristan, herzlichen Dank für die Nominierung! Mit so viel Aufmerksamkeit hatte ich beim Eröffnen meines Blogs nie gerechnet. Als ehemaliger Sachbearbeiter im Staatsdienst befasste ich mich jahrelang mit Verwaltungsdeutsch, mutierte dann aber als Pensionär zum Hobbyschreiber. Alles begann mit dem Beitritt zu einem Schreibverein. Doch der Zwang zum monatlichen Abliefern von Texten war mir bald zu anstrengend, wechselte deshalb zur „Lyrikecke.de“. Da poste ich heute noch die hier gespiegelten Beiträge, doch nicht alle. Und bei WordPress hat man die Möglichkeit, auch nachträglich beliebig oft Korrekturen zu machen. Ich bin also ganz Herr meines Blogs und bestimme selbst, was ich verantworten kann. Kommentare sind mir lieb, Bewertungen von Beiträgen anderer Blogger aber fallen mir nicht leicht. Denn um gerecht zu sein, muss man sich tief einarbeiten. Und dazu fehlt mir die Zeit, weil ich noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Große Freude habe ich mit Grundschülern der Jahrgansstufe vier. Sie lernen bei mir, wie Technik unseren Alltag bestimmt und welche Bedeutung das naturwissenschaftliche Wissen und seine Anwendungen für unsere Zukunft haben. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website: http:quietscheradio.de kann man sich über meine Aktivitäten informieren. Die Lehrkräfte in Grundschulen sollten mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft erfahren! Die politischen Institutionen kümmern sich nicht genug um die Anforderungen unserer Zeit. Sie reagieren eher träge auf notwendige Anpassungen und konzentrieren sich vorwiegend auf die Erfüllung aktueller Wünsche der Bürger in konservativer Weise, leider ohne kreative Weitsicht in ihren Entscheidungen. G8 oder Bologna-Reformen bieten Stoff für Schlagzeilen, aber helfen nicht wirklich Schülern und Studierenden. Sie sind Themen für die spekulative Sammlung von Wählerstimmen, oft nicht mehr als Stimmungsmache. Die Wirtschaft schielt nach Nachwuchs aus dem Ausland. Manchmal frage ich mich, ob wir denn wirklich alle so blöd sind, weil wir uns solche Unfähigkeiten der Verantwortlichen gefallen lassen. Gegen den unerträglichen Egoismus, den man heute überall erkennen kann, hilft nur, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Dazu habe ich mich im Alter entschlossen. Und es tut gut, Sinnvolles zu tun. Vielleicht finden sich ja Mitmacher. Deshalb hier mein Weckruf für mehr soziales Verhalten und freiwillige, unentgeltliche Leistungen. Herzlichen Gruß und viel Erfolg mit Deinem Blog; Bernd
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